Jazz in Europa

Die Rezeption des amerikanischen Jazz in Europa lässt sich in zwei Phasen einteilen: die der Imitation und die der Emanzipation des europäischen vom amerikanischen Jazz. Die Emanzipationsphase ist etwa in die späten 50er und frühen 60er Jahre einzuordnen. Zuvor hatte eigentlich nur der belgische Gitarrist Django Reinhardt (1910-1953) eine eigenständige Stilistik entwickelt, die in der Folge nicht nur in Europa, sondern selbst im Ursprungsland des Jazz, den USA, von Einfluss war.

Bereits in den frühen 20er Jahren kam der der Jazz als Modemusik nach Europa. Europäische Musiker und Komponisten kannten ihn in der Hauptsache aus Notenveröffentlichungen und frühen Anleitungsbüchern. Die Original Dixieland Jazz Band, das Vaudeville-Duo Sissle and Blake sowie Will Marion Cooks Southern Syncopated Orchestra traten 1919 in Europa auf. In den 20er Jahren kam im Gefolge der Sängerin Josephine Baker das Orchester des Pianisten Sam Wooding (1895-1985) nach Europa, in dem Musiker wie Garvin Bushell (1902-1991), Tommy Ladnier (1900-1939) und Doc Cheatham (geb. 1905) zu hören waren. Neben Wooding sind die Jazz Kings des amerikanischen Schlagzeugers Louis Mitchell (1885-1957) zu nennen, die Anfang bis Mitte der 20er Jahre Pariser Musikern und Komponisten ein Bild von dem gaben, was Jazz sein sollte. Nicht alle amerikanischen Bands aber, die Europa bereisten, spielten wirklich Jazz. Oft handelte es sich um die Tanzmusik des Tages, oft auch um den populären, kommerziell erfolgreichen Jazz. Erst 1932 waren mit Louis Armstrong und 1933 mit Duke Ellington die ersten namhaften und stilbildenden Jazzmusiker in Europa zu hören.

Mit dem Stilelement der Improvisation taten sich anfangs auch viele Unterhaltungsmusiker schwer, die anfangs vor allem die Soli ihrer Vorbilder nachspielten. Als sich in den 30er Jahren einige stilbildende amerikanische Solisten in Europa niederließen - allen voran die Saxophonisten Benny Carter und Coleman Hawkins -, spielten bald zumindest in Frankreich und England viele europäische Musiker in einem Stil, der dem der amerikanischen Idole sehr ähnelte. Einzig Django Reinhardt entwickelte zur selben Zeit einen Personal- und Gruppenstil, der sich grundsätzlich von Beispielen des amerikanischen Jazz unterschied. Seine Besetzung orientierte sich an der traditionellen Sinti- Musik mit Geige, Melodie- und Rhythmusgitarre sowie Kontrabass; auch sein vorwärts treibender Swing zehrte sowohl aus den neuen rhythmischen Entwicklungen des amerikanischen Jazz als auch aus einer langen Tradition des Sinti- "Musikantentums". Reinhardts "Quintet du Hot Club de France" wurde sehr früh nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika rezipiert und war damit eine der ersten europäischen Besetzungen, die vom amerikanischen Publikum, aber auch von US-Musikern wahr genommen wurde. Angesichts dieses Einflusses muss man von Reinhardt als dem ersten wirklichen europäischen Jazzmusiker sprechen, dem ersten Musiker, der die Individualität des Jazz verinnerlicht und einen eigenen, unverwechselbaren Personalstil geschaffen hat.

Djago Reinhardt Wie für das gesamte europäische Kulturleben, so bedeutete auch für den Jazz die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland einen schweren Rückschlag. Schallplatten waren nur auf Umwegen zu erhalten, und so war das treueste Publikum des Jazz ausnahmslos ein Fan-Publikum - anders als in den Vereinigten Staaten, in denen die Swing-Musik in den 30er Jahren allgemein die populäre Musik des Tages war. Die lokalen und regionalen Hot Clubs waren denn auch die Basis jeder nationalen Jazzszene nach dem Krieg. Sie stellten Auftrittsorte zur Verfügung, organisierten Konzerte, druckten Plakate, veröffentlichten Informationsblätter und sorgten für eine Vernetzung der nationalen Szenen. Gegen Mitte der 50er Jahre kam es erstmals auch zu den ersten Experimenten europäischer Musiker mit eigener nationaler Folklore und spätestens in den 60er Jahren lassen sich jede Menge Individualstile im europäischen Jazz feststellen, die sich nur noch bedingt auf konkrete amerikanische Vorbilder zurückführen lassen, in denen dafür eine Beschäftigung mit den individuellen musikalischen Wurzeln im Mittelpunkt steht. Die Vormachtstellung Amerikas im Jazz hatte damit zumindest im musikalischen Bereich ein Ende gefunden.

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